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Zigarre in Österreich

Zigarrenland Österreich - Von der Wüste zu viel mehr Angebot im Humidor (21.07.2019 - 11:53:08}

Der Zigarrenmarkt in Österreich

Kapitel 6/10

 

Von der Wüste zu viel mehr Angebot im Humidor

 

Reinhold Widmayer, der aktuelle Herausgeber des Cigar Journals, war immer schon freier Journalist. Bevor er allerdings in die Welt der Zigarren-Fachmedien eintauchte, hatte er sich schon u.a. beim WirtschaftsBlatt Tabakthemen gewidmet. Es muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein, erinnert sich Widmayer, da habe das Thema Tabak plötzlich eine immer zentralere Rolle gespielt. Der „Cigar Aficionado" war mit seiner ersten Ausgabe am Markt. In der Schweiz hatte Daniel Eggli 1989 „Cigar" gegründet, das einzige Schweizer Magazin, das sich mit Tabak in seiner edelsten Form befasst. In Österreich war Helmut Rome vom Falstaff-Verlag mit dem „European Cigar Cult Journal" schneller als Widmayer, der selbst ähnliche Pläne gewälzt hatte.
Österreich sei damals, so Widmayer, „in Sachen Zigarre eine Wüste gewesen." Lediglich Heinz Schiendl, Generaldirektor bei der Austria Tabak, habe sich des Themas Zigarre später offensiv angenommen. Dies bestätigt auch ein Porträt von Isabella Benda (heute: Keusch), damals noch Redakteurin beim ECCJ, später dann für den Vertrieb von Davidoff in Österreich zuständig und heute Leiterin der Davidoff Academy, aus dem Jahr 2002:

 

„Genuss ist für mich Lebensschönheit", wird der genussfreudige Manager dort zitiert. Schiendl, eigentlich Zigarettenraucher, rauchte seine erste Zigarre im Rahmen einer Reise auf die Kanarischen Inseln im Jahr 1979. Es war Schiendl, der der österreichischen Zigarrenkultur die langersehnte Chance auf Entwicklung gegeben hatte. „Wir mussten zur Kenntnis nehmen", wird Schiendl zitiert, „dass ein immer größerer Teil der Zigarrenliebhaber seinen Bedarf im Ausland gedeckt hat, das war für mich nicht akzeptabel. Das Angebot in Österreich war zu diesem Zeitpunkt noch sehr bescheiden im Vergleich zu den Nachbarländern. Da gab es nur einen Ausweg: das Sortiment radikal erweitern."

 

Immerhin hat die Austria Tabak aber im April 1989 erstmals einen Zigarrenabend auch und ausschließlich für Frauen eingeführt. Mit dabei waren damals u.a. auch die Jazz-Gitti, Gerti Senger, Alexandra Hilverth, Eva Deissen, Maria Perschy, die Galeristin Heike Curtze, die Sängerin Judy Archer, Lotte Ledl und Jeannine Schiller sowie Ursula Haslauer, die damals noch bei der AZ arbeitete, später dann die Brüder Fellner von News bis Österreich begleitete.

 

Vor Schiendls Importoffensive, so erinnert sich Widmayer, gab es damals drei Premium-Zigarren: die Montecristo No.4, die Davidoff No.2 und die Siboney, die Cubatabaco exklusiv für Österreich produziert hatte (und die irgendwie als Imitation der Davidoff No.2 galt, wie viele damals meinten).
1990 fand im übrigen in Wien eine Weltausstellung zum Thema Tabak statt. Im Rahmen dessen organisierte die Austria Tabak ein internationales Zigarren-Round-Table. Teilnehmer dabei war u.a. auch Ad Wintermans von Agio Cigars, der Produzent der Balmoral. Ungefähr um diese Zeit fand auch das bereits neunte Zigarrenseminar für die Gastronomie statt - Schulungen für Gastronomen und ihre Mitarbeiter zum Thema Zigarre. Es war ein Phänomen dieser Zeit, dass man zwar weniger Zigarren verkaufte, dafür aber höherpreisige, sodass sich Absatz und wertmäßiger Ertrag auseinanderentwickelten - der eine sank, der andere legte zu. 1992 betrug die Wertzunahme immerhin 5 Prozent.

 

Im Bereich Raucherzubehör gab es damals neben der Firma Lichtblau auch noch andere Unternehmen wie etwa die Firma KP Plattner. Kaspar Plattner hatte auf der Frankfurter Messe die Vertretung der Firma Some Feuerzeuge erhalten. Anfangs wollten die Japaner die Bestellung sofort auf der Messe bezahlt haben. Natürlich ein unmögliches Unterfangen für Kaspar Plattner. Er hatte den Auftrag dennoch erhalten. Im Oktober kam die Lieferung und bis Weihnachten war alles verkauft. Die Bewilligung für den Großhandel mit Braunwaren besorgte sich Kaspar Plattner erst 1999. (Das Bild zeigt Markus und Kaspar Plattner zur 50-Jahr-Feier von Sarome im Jahr 1992.)

 

1992 hat auch Nancy Friedenthal, Vizepräsident des VCPÖ und Preisträgerin des Davidoff Golden Band Award - Legacy für das Lebenswerk, die Trafik von ihrem verstorbenen Vater übernommen. Schon im Folgejahr wurde der Westbahnhof in Wien erstmals umgebaut. Als „Ausweichquartier" hatte sich Friedenthal damals einen „Zirkuswagen" der Austria Tabak gemietet. 1994 übersiedelte sie in einen größeren Standort in die Kassenhalle des Westbahnhofs.

 

Dort standen mir 50 Quadratmeter zur Verfügung. Das Hauptgeschäft waren damals kleine Stofftiere und Souvenirs. Dagegen wetterte aber die Monopolverwaltung, die auf den Charakter des Tabakfachgeschäftes pochte. Wir haben also den Verkauf von Stofftieren eingestellt, weil sie auch nicht im Nebenartikelkatalog gestanden sind. Wir hatten auch die Idee eines Nachtverkaufes, so mit geschlossenen Fenstern wie bei Apotheken, damit der Kunde erst gar nicht ins Geschäft hinein kann. Das wurde aber auch nicht umgesetzt.

 

Bilder unten: Nancy Friedenthal mit Carlos Andres (li.), der Kiosk am Westbahnhof (re.)

 

1992 führte die Austria Tabak parallel zu den Davidoff-Marken die „Zino Drie" ein (drie= drei auf holländisch). Die „Zino"-Serie hatte Zino Davidoff gemeinsam mit Ernst Schneider schon früher entwickelt. 1992 aber wurde erstmals einer Lizenzproduktion in Fürstenfeld zugestimmt. Die „Zino drie" ist eine vollaromatische Zigarre im Corona Grande Format. Das Deckblatt bestand aus handverlesenem Sumatra-Tabak, die Umlage aus aromatischem Java. Für die Einlage komponierte der Zigarren-Zar Davidoff mit den Blendern der Austria Tabak eine feine Mischung aus Havanna-, Java-, Brasil- und Domingo-Tabaken. Anders als die Zigarren der Austria Tabak sind die Zino-Zigarren nicht rauchfertig - sie müssen vom Konsumenten erst angeschnitten werden. Dazu führte die Firma Lichtblau, die Austria-Tabak-Tochter, ein reichhaltiges Sortiment an Schneidern und Scheren. Jede Zigarre wird in einer Alufolie frischgehalten, ist außen beringt und wurde zu 5 Stück in einer eleganten Schieberhülsenverpackung verkauft. Der Einzelpreis pro Stück betrug damals 40,- Schilling. Schon in den ersten beiden Wochen wurden über 10.000 Stück der „Zino Drie" verkauft. Ein erstaunlicher Erfolg, bedenkt man, dass damals weltweit der Zigarrenabsatz mengenmäßig rückläufig war. In Österreich bezifferte man das Minus mit 3,11 Prozent. Wertmäßig steigerte sich der Umsatz allerdings um 5 Prozent.

Im Bereich Raucherzubehör gab es damals neben der Firma Lichtblau auch noch andere Unternehmen wie etwa die Firma KP Plattner. Kaspar Plattner hatte auf der Frankfurter Messe die Vertretung der Firma Some Feuerzeuge erhalten. Anfangs wollten die Japaner die Bestellung sofort auf der Messe bezahlt haben. Natürlich ein unmögliches Unterfangen für Kaspar Plattner. Er hatte den Auftrag dennoch erhalten. Im Oktober kam die Lieferung und bis Weihnachten war alles verkauft. Die Bewilligung für den Großhandel mit Braunwaren besorgte sich Kaspar Plattner erst 1999.

Und das alles vor dem Hintergrund einer weltweiten Umstrukturierungsphase in der Zigarrenindustrie. Klassische Zigarrenländer wie Belgien/Luxemburg, Dänemark, die Schweiz oder die USA mussten Mengenrückgänge zwischen 4,4 und 6,7 Prozent hinnehmen. Österreich profitierte von einem Trading-up hin zu Qualitätszigarren und machte im Jahr 1991 inklusive Exporte einen Umsatz von 152,4 Millionen Schilling. Das freute letztlich auch den Fiskus, denn alleine die Zigarre brachte 1991 20 Millionen Schilling an Tabaksteuer und noch einmal so viel an Umsatzsteuer. Die Trafikanten verdienten in diesem Jahr rund 24 Millionen Schilling an Handelsspanne. Für die Austria Tabak erwirtschaftete die Zigarre immerhin 2,6 Prozent des gesamten Nettoerlöses.
Importzigarren gab es 1993 noch nicht wirklich in Österreich, meint Widmayer. Noch bestimmte und herrschte die ATW.


Am 14.1.1994 war Zino Davidoff - zwei Monate vor Vollendung seines 88.Geburtstages (im Bild oben mit Dr. Erich Schneider - gestorben. Der Kurier widmete in der Ausgabe vom 18.1. einen großen Artikel „dem bewegten Leben für den luxuriösen blauen Dunst". Darin wird Davidoff aus Anlass seines 85.Geburtstages zitiert: „Ich rauche seit meinem zwölften Lebensjahr und werde weiterhin rauchen." Der Mann „mit den Zügen eines Karstgebirges" (so der Kurier) starb an einer Krankheit.
Die Firma Oettinger Davidoff hat freundlicherweise folgendes Video zur Verfügung gestellt:

 

 Das Video an dieser Stelle benötigt den Adobe Flash Player 000bc783-00000289 ODAG_thank_you_zino_german.mp4