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Zigarre in Österreich

Zigarrenland Österreich - Das Zigarrerauchen wird wieder in (19.08.2019 - 17:30:22}

Der Zigarrenmarkt in Österreich

Kapitel 7/10

Zigarrenland Österreich - Das Zigarrerauchen wird wieder in
1996 - 1998


Georg Vacano, der in den folgenden Jahren im Verein mit Klaus Fischer eine führende Rolle beim neu gegründeten Verband der Cigarren- und Pfeifenfachhändler Österreichs VCPÖ spielen sollte, war seit 1974 Trafikant. Seine erste Trafik führte er mit nur 6 Quadratmeter Verkaufsfläche in der Hasnerstraße. Ca. Mitte der 1980er Jahre übersiedelte er in die Kettenbrückengasse, wo ihm rund doppelt so viel Verkaufsfläche zur Verfügung stand. Erst dort hat er begonnen, sich mit Zigarren zu beschäftigen. Die wenigen österreichischen Produkte hatte er immer schon auf Lager, die Nachfrage war aber nur sehr gering. Vacano erinnert sich: „Zu Zeiten des ATW-Monopols hatten Trafikanten keine Ahnung davon, wie man Zigarren fachgerecht lagert. Man lagerte sie in der Regel wie Zigaretten im Regal. Die Trockenheit der Zigarren hat auch niemanden gestört, weil man es nicht anders kannte." Große Verdienste um das Thema fachgerechte Lagerung räumte Vacano dem Promotionteam der Austria Tabak rund um Sebastian Zimmel ein. Auch wenn die ersten „Humidore" (Holzkistchen mit Plexiglasdeckel und Glastubos mit Dochten, die man täglich befeuchten musste) noch nicht wirklich gut funktionierten.
Das war die Zeit, als sich international gesehen der Zigarrenmarkt in vielen Ländern zu stabilisieren begann. Anfang der 1990er Jahre waren Zigarren wieder in Mode gekommen. Vor allem die USA prägten diesen Trend. In Magazinen wie Playboy, aber auch in Filmmagazinen sah man Filmstars mit dicken Zigarren. Eine Bewegung war im Entstehen begriffen. Es war wieder chic und hip Zigarren zu rauchen. Mit einigen Jahren Verspätung schwappte diese Welle auch auf Österreich über und traf auf einen gerade liberalisierten Markt. Und auch wenn, wie sich Georg Vacano erinnert, Austria Tabak, der Staat und die Monopolverwaltung voll auf der Bremse gestanden waren, die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten.
Das sahen auch die Vertreter der EBAS-Gruppe so. Dabei handelte es sich um einen 1989 durchgeführten Zusammenschluss der beiden niederländischen Produzenten La Paz und Willem II mit der deutschen Firma Arnold Andre („Clubmaster"). Mit jährlich weltweit über eine Milliarde verkaufter Zigarren und Zigarillos war die EBAS-Gruppe der weltweit größte Zigarrenproduzent. Sie exportierten in 100 Länder, darunter auch Österreich. Aber hierzulande gab es nur zwei Marken auf dem Markt: die La Paz Wilde Cigarros und die Clubmaster Elegantes. Für 1996 waren deshalb vier weitere Marken für den heimischen Markt vorgesehen: die Clubmaster Superior, die La Paz Wilde Cigarillos sowie die Willem II Solo Light und Solo Special. Die EBAS-Gruppe schlüpfte 1996 im übrigen unter das Dach von Swedish Match, die sich just in diesem Jahr als eigenständiges börsennotiertes Unternehmen etablierte.
Rupert Warranitsch war schon damals ein alter Hase im Geschäft. Seit 1983 hatte er die Geschäftsführung von Swedish Match in Österreich inne. Über deren damalige Strategie berichtet er: „Swedish Match hat schon in den 1970er und 1980er Jahren alle Zündholzfabriken weltweit verkauft. In Österreich gab es in Deutschlandsberg eine Fabrik von Solo Zündhölzern. Auch diese wurde rasch geschlossen. Gleichzeitig gründete man Vertriebsfirmen in vielen Ländern, um Pfeifentabake, Zigarren und Zigarillos (Importwaren) auf den Markt bringen zu können." Der Hintergedanke sei es immer gewesen, Snus in die Welt zu exportieren. Die bedeutenden Zigarrenmarken, so erzählt Warranitsch, seien erst Anfang der 1990er Jahre zu Swedish Match gestoßen. Es ging den Schweden darum, sich ein starkes Standbein zu schaffen, um für den Snus-Export in einen liberalisierten Markt gewappnet zu sein. Das Zigarrenportfolio war so gesehen nur ein Mittel zum Zweck. So kam es, dass Swedish Match sehr bald die Marken von General Cigars (Macanudo), dominikanische Marken wie La Aurora oder Leon Jimenez, die holländischen Marken der EBAS-Gruppe und Pfeifentabake von Borkum Riff im Portfolio hatte.

 

Die Macanudo wurde in Österreich von KP Plattner eingeführt. Denn KP Plattner kooperierte in Sachen Braunware von Anfang an mit Kohlhaase & Kopp, dem damals größten europäischen Importeur nicht-kubanischer Zigarren. Darunter war auch die Macanudo. Als Swedish Match General Cigars übernahm, verlor Kohlhaase & Kopp die Macanudo und der Österreich-Vertrieb wanderte zu Swedish Match Austria.

 

Noch immer aber war Kuba das Synonym für Zigarre und noch existierte das Vertriebsmonopol von Austria Tabak, wenngleich auch über  tobaccoland und nur mehr in einer Phase des Übergangs. Da passte es gut, dass die Kubaner mit vier neuen Marken nach Österreich kamen: der Cohiba Coronas Especiales, der Cohiba Mini, der Montecristo No.5 und der Romeo y Julieta No.2. Präsentiert wurde die Markteinführung von Frau Noelle Levy, Direktorin der Schweizer Firma Redimex Trading SA, dem offiziellen Importeur von Kuba-Zigarren für Österreich, Tschechien, Slowakei und Ungarn, sowie Robert Lachner, dem Geschäftsführer von tobaccoland. Man zeigte sich überzeugt, mit der Einführung dieser vier Zigarren eine Marktlücke teilweise geschlossen zu haben. Lachner betonte, dass sich mit den hochpreisigen Zigarren aus Kuba ein Tabakfachgeschäft als Zigarrenfachgeschäft profilieren könne. Größere Absatzmengen erwartete man allerdings nicht.

Nicht zu unterschätzen war auch der Preisvorteil. Denn um diesen Zigarren in Österreich eine Chance zu geben, hatte man bei tobaccoland die Preise für die Cohiba Corona, die Montecristo und die Romeo y Julieta deutlich unter den in Deutschland üblichen Preisen angesetzt. Die Cohiba Coronas Especiales kostete in Österreich damals 270,- Schilling das Stück und war damit um 55 Schilling oder 17 Prozent billiger als in Deutschland. Die Montecristo lag mit ihrem Stückpreis von 80,- Schilling um 15 Schilling oder 16 Prozent unter dem Preislevel der deutschen Nachbarn und bei der Romeo y Julieta No2 betrug die Preisdifferenz 8 Schilling pro Stück.
Lachner ortete deshalb in Österreich auch eine Trendwende beim Zigarrenverkauf. Eine grössere Markenvielfalt und eine verbesserte Distribution würden sich bemerkbar machen. Immerhin konnten 1995 mit 29 Millionen Stück Zigarren schon wieder um eine Million mehr als im Jahr zuvor verkauft werden. Eine besondere Rolle kommt dabei - wie erwähnt - dem Thema Lagerung zu. Tobaccoland hatte in große Humidore im Lager investiert, mehr als 1000 Trafiken wurden mit Klein-Humidoren der Austria Tabak ausgestattet. So wie die Einführung der obgenannten kubanischen Marken sind auch die technischen Investments dazu gedacht, die österreichischen Zigarreraucher auf allen Ebenen zufrieden zu stellen. Deren Profil schätzt Lachner so ein: der Zigarreraucher ist exklusiv und selbstbewußt, Zigarreraucher möchten beim Einkauf eine möglichst große Auswahl vorfinden und das auf qualitativ höchstem Niveau.

Damit dieses Niveau auch zu Hause erhalten bleibt, startete der Vorarlberger Zigarrenclub über seinen Vizepräsidenten Norbert Bischof, einem Trafikanten, eine Initiative und importierte Holzkassetten für den Verkauf an Zigarrenliebhaber. Unterschiedliche Formate (mindestens 20 Stück) konnten darin gelagert werden, ein Befeuchter sorgte dafür, dass die Zigarren nicht austrockneten. Der Verkaufspreis in der Trafik: 580,- Schilling.

Der Optimismus in der Zigarrenbranche war allerorten spürbar. Jaques Wintermans, damals Präsident der holländischen Zigarrenfirma Agio, erklärte gegenüber der Österreichischen Trafikantenzeitung: „Wir sind zuversichtlich, dass das Zigarrerauchen in Westeuropa in Zukunft wieder zunehmen wird. Der Trend zu einer stärkeren Genusskultur kommt auch der Zigarre und dem Zigarillo zugute." Anfang der 90er Jahre hatte der Zigarrenkonsum nur mehr ein Drittel dessen in den 50er Jahren ausgemacht. Jetzt würden sich auch immer mehr jüngere Menschen dem Genuss zuwenden und da würde eine gute Zigarre eben dazugehören. Wintermans verwies auf das Beispiel aus Holland: 470 Millionen Zigarren wurden dort 1994 konsumiert. Das entspricht einem Pro-Kopf-Verbrauch von 31 Stück pro Jahr. In Österreich bewegte sich der Zigarrenkonsum im Vergleich noch immer bei 4 Stück pro Kopf und Jahr (insgesamt 27 Millionen Stück). Das deutet großes Wachstumspotenzial an.


In dieselbe Kerbe schlug Heinrich Villiger (Bild) mit seinem legendären „Basler Aufruf zum toleranten Genuss". Darin hieß es u.a.:

„Wir wenden uns gegen die Einengung des Menschen als produzierende Maschine, als arbeitenden Roboter, dem der Genuss ganz verboten ist oder nur in kleinen Rationen erlaubt wird. Der Mensch ist zum Sehen, Hören, Riechen und Schmecken geboren. Wir rufen deshalb auf zum toleranten Zigarrengenuss. Was wäre die menschliche Kultur ohne Zigarren? Hätte Ernest Hemingway ohne seine geliebten Havannas die gleichen Romane und Kurzgeschichten geschrieben? Wäre Franz Liszt der gleiche große Komponist geworden ohne Zigarrengenuss? Ist Orson Welles ohne eine Montecristo vorstellbar? Und was wäre Clint Eastwood ohne seinen Stumpen? Zu einem vorzüglichen Essen gehört eine gehaltvolle Zigarre. Die Symbiose zwischen Zigarren und Esskultur darf nicht gestört, nicht unterbrochen werden. Wir wenden uns gegen die genusskulturelle Verarmung Europas und der Schweiz, die - amerikanischen Vorbildern folgend - den Raucher in Käfige sperrt..."

 

Mit der Export, der Curly und der Villiger Kiel Mild hatte die Villiger Gruppe in Österreich damals lediglich drei Produkte platziert. 1996 kam die Villiger Kiel Junior Mild dazu, das „Cigarillo mit dem gelben Mundstück", wie es bald bekannt wurde. Das Unternehmen machte damals einen Umsatz von 6,33 Milliarden Schilling und exportierte in 70 Länder der Welt.
Seitens Davidoff kam die Zino Relax auf den Markt. Sie bildete mit zusammen mit der Zino Classic, Zino Panatellas und Zino Cigarillos die Zino Light Linie aus dem Hause Davidoff, noch zu Lebzeiten selbst kreiert vom Meister persönlich.
Sehr gute Verkaufschancen für die beiden Zigarillos Willem II Solo Special und Solo Light sah man auch bei der EBAS-Gruppe, als man sie auf dem österreichischen Markt einführte.

Viele Neueinführungen waren also die Folge der weiter vorne angeführten „Trendwende" am Zigarrenmarkt. Wer aber schob diese „Trendwende" an?
Nun, die Schubkraft kam aus den USA. Dort war schon seit mehreren Jahren eine unheimliche Anziehungskraft zu spüren, die große, edle Zigarren ausübten. Auch eine starke Anti-Raucher-Lobby, die damals in den USA schon aktiv war, konnte nichts daran ändern, dass große Zigarren bzw. der Zigarrengenuss schlechthin zu einem Statussymbol für Menschen mit Erfolg im Berufsleben (und solchen, die dazu gezählt werden wollten) geworden war. Das Zigarrenrauchen brachte Menschen zusammen - vornehmlich bei Zigarrendinners, für die man schon mal 1.600 Schilling auf den Tisch blätterte.
Recherchen der Österreichischen Trafikantenzeitung in New York ergaben damals, dass in spezialisierten Tabakfachgeschäften rund 70 Prozent des Umsatzes auf Zigarren entfielen. Zu dieser zunehmenden Beliebtheit von Zigarren in den USA hat zum einen die Gründung des „Cigar Aficionados" beigetragen, eines Magazins, das auf mehr als 400 Seiten pro Ausgabe den hohen Stellenwert des Zigarrenrauchens in der amerikanischen Gesellschaft dokumentierte. Und natürlich auch die Vielzahl an Prominenten aus Politik und Kunst, die dafür als Testimonial herhalten: darunter Arnold Schwarzenegger, Sylvester Stallone, James Caan, George Clooney, Sharon Stone, Linda Evangelista, Tony Curtis und Bill Clinton.

In Österreich kam parallel die Wellauer Orient-Express Grand Luxe Zigarre im Panatela-Format auf den Markt. Hergestellt wurde diese „geschmeidige" Zigarre, wie die ÖTZ beschrieb, von Arturo Fuentes in der Dominikanischen Republik.
Aber nicht nur der österreichische Zigarrenraucher profitierte von diesem Boom in den USA. Auch Austria Tabak nutzte die Chance. Der erst wenige Wochen zuvor als Marketingleiter eingesetzte Christian Mertl brachte Arnold Schwarzenegger eine Wallstreet Double Corona in die USA, was für einen nahezu unbezahlbaren Megaauftritt sorgte. CNN und CBS strahlten diesen „Nacht der Zigarren"-Event weltweit aus. Die deutsche Bild-Zeitung hatte eigens einen Redakteur nach Los Angeles geschickt. Mit dabei waren auch Hagen von Wedel, der als der eigentliche „Erfinder" der Wallstreet gilt, sowie Bundesrat Gerstl, damals oberster Interessensvertreter der heimischen Trafikanten.
Für Helmut Rome, den Herausgeber des „European Cigar Cult Journals" war die Wallstreet eine österreichische Spitzenzigarre, die einen Fortschritt für den heimischen Zigarrenmarkt darstellte. Rome anerkannte auch, dass es deutliche Zeichen gäbe, dass sich nach dem Boom der Zigarren in den USA dieser Trend auch in Europa fortsetzen werde. Wenige Monate später brachte Austria Tabak die Wallstreet Pyramides auf den Markt: 17,5 cm lang garantierte sie einen Rauchgenuss von mehr als einer Stunde. Die edle Longfiller-Einlage aus feinsten Mata-Fina und Santo Domingo-Tabaken wurde umhüllt von einem Connecticut-Deckblatt. Der stolze Preis pro Stück: 110,- Schilling.

Anfang 1997 machte aber auch ein Zigarillo Furore, dessen Marktführerschaft bis heute anhält: die Moods von Dannemann. Das bereits zwei Jahre zuvor eingeführte Zigarillo war in der Zwischenzeit auf einen Marktanteil von 13,8 Prozent geklettert und hatte die Austria Tabak-Marken Capriole Light und Capriole Aromatic ebenso deutlich hinter sich gelassen (5,5 bzw. 5,0 Prozent Marktanteil) wie die Virginier (6,9 Prozent). Der Dannemann Spezial Brasil Longfiller unterstrich den Erfolg. Er erreichte Ende 1996 bereits 4,5 Prozent Marktanteil.
Eine internationale Studie erwartete damals einen Anstieg des Zigarrenabsatzes um jährlich zwischen 3,5 und 4 Prozent. Am stärksten, so die Prognose, werde der Zuwachs in den USA mit 5,4 Prozent und in Europa mit 6 Prozent ausfallen. Die aktuelle Entwicklung zeigte laut Vorstandsdirektor Heinz Schiendl von der Austria Tabak, dass die Renaissance der Zigarre auch hierzulande bereits eingesetzt habe. So lag die Absatzsteigerung 1995 bei 3,6 Prozent, 1996 war sie schon auf 5 Prozent geklettert.

Das Angebot an Zigarren nahm in Österreich also ständig zu. Die Informationen zu den Zigarren konnten da nicht Schritt halten. Nancy Friedenthal und Georg Vacano berichten, dass „man sich als Trafikant alles selber besorgen musste." Seitens des Großhandels gab es dazu auch keine Angebote. Meist war der Großhandel selbst anfangs überfordert. Vacano: „Ab und an veranstaltete die Austria Tabak eine zweistündige „Zigarrenjause", um wenigsten die minimalen Informationen weitergeben zu können."


Viele Fragen und kaum Antworten - das war auch die Erkenntnis von Nancy Friedenthal, die sich als einen ersten Kontakt Urs Portmann in Deutschland suchte. Friedenthals Liebe zur Zigarre entstand übrigens im Rahmen einer Brasilien-Reise, die von der Firma Dannemann organisiert worden war. Mit dabei waren damals u.a. Christine Bleha, Ilse Sturm und Willi Gröbner. Friedenthal selbst war damals noch gar keine Zigarrenraucherin, aber „die Stimmung dort, der Geruch, das Ambiente, Musik und Lebensgefühl, der Zuckerrohrschnaps und die Menschen - das alles hat meine Liebe zur Zigarre inspiriert."

Umso dankbarer nahmen die Trafikanten im Juni 1997 die Fachseminare der Firma Redimex zu Havanna-Zigarren an. Die Redimex Trading S.A. war damals die offizielle Alleinvertretung für Havanna-Zigarren in Österreich. Die Direktorin der Firma Redimex, Noelle Levy, sah viel Potenzial am Markt, allerdings mussten erst einige Voraussetzungen geschaffen werden: professionell geführte Tabakwarenfachgeschäfte mit einem größeren Sortiment an Habanos, fachgerechte Lagerung und entsprechendes Spezialwissen für den Verkauf. Mehr als 200 Trafikanten nahmen an den beiden Fachseminaren in Wien und Salzburg teil.
Zum damaligen Zeitpunkt wurden 8 Havanna-Zigarren angeboten. Redimex wollte dies rasch auf 30 Zigarren aufstocken, um Bedarf und Nachfrage zu stimulieren und befriedigen zu können. Das größte Problem waren damals die Lieferschwierigkeiten. Die international hohe Nachfrage einerseits und weil Handgerolltes eben auch länger dauert, waren laut Levy dafür verantwortlich. In Kuba war man bestrebt, die Jahresproduktion von 65 auf 100 Millionen Stück zu erhöhen.

 

Helmut Rome und Hans Dibold merkten dazu im Vorwort der Frühjahrsedition 1996 des European Cigar Journal folgendes an: „Die Nachfrage nach Habanos z.B. ist weltweit weitaus größer als die Produktion - das wirkt sich dementsprechend auf das Angebot aus. Habanos sind derzeit knapp. Selbst die Schweiz als klassisches Verbraucherland für Kubazigarren stöhnt unter der Angebotslücke. Im preishohen Deutschland verkaufen sich die Habanos trotzdem wie warme Semmeln, nicht unbedingt nur in den Fachgeschäften. Ein guter Teil läuft hier über Duty Free Shops und Gastronomie. Gleichzeitig nimmt auch der Schwarzhandel mit Habanos ungebrochen zu. ....Wenn aber der europäische Markt erobert werden soll, dann muss er auch regelmäßig beliefert werden können. Eine nachgefragte, aber nicht verfügbare Zigarre ist immer eine schlechte. Der Käufer wandert ab."

 

Hauptschwerpunkt der Fachseminare war die Vermittlung von Fachwissen zur Zigarre selbst. Die Österreichische Trafikantenzeitung berichtete: „Teilnehmer an diesen Seminaren wissen nun, dass der Geschmack einer Havanna-Zigarre durch ihre Einlage (filler) bestimmt wird, das Umblatt (capota) verfeinert das Aroma. Das Deckblatt (capa) hat keinen Einfluss auf den Rauchgenuss. Deshalb ist die oft gehörte Meinung, durch ein helleres Deckblatt sei die Zigarre leichter, nicht richtig. Die Farbe des Deckblattes hängt von der Ernte ab. Bei Havanna-Zigarren gibt es nicht weniger als 64 verschiedene Farbtöne beim Deckblatt."
Weitere Punkte auf der Tagesordnung: Lagerung, Fälschungen und der Einzelverkauf als Instrument der Neukundengewinnung.

Noch im September 1997 bewertete Austria Tabak-Vorstandsdirektor Heinz Schiendl die Fabrik Fürstenfeld, wohin sich die Zigarrenproduktion der Austria Tabak in der Zwischenzeit konzentriert hatte, als „Juwel". 22,5 Millionen Stück Zigarren wurden damals dort erzeugt, davon 5,5 Millionen Virginier (die normale, die Spezial und die Jubilar). Verarbeitet wurden dabei 88,6 Tonnen Einlagetabake, 8,6 Tonnen Umblatt- und 32,5 Tonnen Deckblatttabake. Produziert wird auf 57 Erzeugungs- und 25 Verpackungsmaschinen. 72 Mitarbeiterinnen erzeugten 58 verschiedene Sorten. Die damals geforderte Tagesleistung der „Spinnerinnen" (handgerollte Zigarren) lag bei 230 Zigarren am Tag!

Im September 1997 kam dann etwas ins Rollen, was sich im Folgejahr nicht mehr aufhalten ließ: die Gründung privater Großhändler. Der erste war Alfred Ackerl, der als zweiter Großhändler neben tobaccoland Pfeifentabake anbot (anfangs nur das, die Braunware kam später dazu). Ackerl war in der Branche schon länger als Lieferant von Pfeifen und Raucherzubehör bekannt. Georg Vacano erinnert sich, dass ihm Ackerl von „hohen bürokratischen Hürden" erzählt hatte, die man ihm bei der Gründung des Großhandels in den Weg gelegt hätte. Für Reinhold Widmayer war damals ein „Wettlauf der privaten Distributeure" zu beobachten. Ackerl sei sehr schnell am Markt gewesen, House of Smoke von Rainer Gunz und Dios Tabacos von Wolfgang und Marlies Held ebenfalls, genauso wie KP Plattner und Sebastian Zimmel.
Mit der zunehmenden Vielfalt rückte auch die Prüfqualität der Zigarren zunehmend in den Mittelpunkt. Da hatte Direktor Robert Lachner von tobaccoland eine Idee. Wie es in Zigarrenfachgeschäften international üblich ist, sollte auch hierzulande der Trafikant beim Verkauf teurer Zigarren im Einverständnis mit dem Kunden die jeweilige Packung vor seinen Augen öffnen, damit er die Qualität der Zigarren selbst kontrollieren kann. Sind die Zigarren einwandfrei, dann wurde dies mit dem Aufkleben eines Etiketts „Qualität überprüft - Ihr Trafikant" bestätigt. Der Vorteil lag auf der Hand - spätere Reklamationen waren dadurch ausgeschlossen.

Mit 1.Jänner 1998 sollte dann eine weitere Maßnahme von tobaccoland in Kraft treten, die es möglichst vielen Trafikanten erlauben sollte, Zigarren zu verkaufen, ohne gleich in größerem Maße investieren zu müssen - die Abgabe in Einzelgebinde. Es gab allerdings Einschränkungen. Der Gesamtpreis muss mindestens 800,- Euro betragen und die Einzelabgabe galt nur für Cohiba Mini, Davidoff Mini Cigarillos, Davidoff Mini Light Cigarillos, Falstaff No.1, Imperiales Superiores, Montecristo No.3, Mozart No.1 Idomeneo, Wallstreet Cigarillos, Zino Dri und Zino Relax Sumatra. Tobaccoland legte auch entsprechende Verpackungen auf, wo der Konsument bis zu 3 Zigarren bequem in die Sakkotasche stecken konnte. Diese Etui-Schiebeschachtel erhielt im übrigen von der Österreichischen Papierindustrie auch einen Emballissimo, einen Preis, der alljährlich in verschiedenen Kategorien vergeben wird.

Im Jänner 1998 startete die Austria Tabak dann mit einer großangelegten Humidor-Aktion. Aus Eiche und spanischem Zedernholz, mit einem Fassungsvermögen von 100 bis 3.000 Zigarren und Kosten von 2.000 bis 50.000 Schilling reichte das Angebot an Humidoren. Das Hauptinteresse der Austria Tabak galt natürlich der Promotion des eigenen Zigarren-Portfolios. Dieses umfasste damals 118 Marken, davon 51 Eigen-, 8 Lizenz- und 59 Importmarken. Das Besondere an der Aktion war allerdings, dass Austria Tabak die Vorfinanzierung der Humidore für die Trafikanten übernahm. Kooperationspartner war dabei die Firma Cigar World von Jürgen Roder. Das Volumen der angebotenen Humidore erreichte rund 20 Millionen Schilling, wie der damalige Marketingleiter der Austria Tabak Christian Mertl erklärte. Für die Trafikanten waren Rückzahlungen zwischen 6 und 48 Monaten vorgesehen. Humidore gab es in verschiedenen Holzqualitäten, Größen und Ausführungen.
Humidore waren auch bei Trafikanten das große Thema. Nancy Friedenthal kramt in ihren Erinnerungen: „Ich hatte damals noch keinen Humidor. Den ersten bekam ich von Jürgen Röder. Der war sauteuer. Später hatte ich dann einen zweiten Vitrinenschrank und bekam einen Humidorschrank von House of Smoke als Leihgabe. Dann bestellte ich eine vierte Vitrine. Das war dann auch der Grund für meinen Entschluss, neuerlich umzubauen, obwohl gleichzeitig auch die ÖBB am Westbahnhof wieder einen Umbau ankündigten." Nur die Trafiken Friedenthal, Vacano und Mohilla hatten damals einen Humidor.

Die Bemühungen von tobaccoland zur Förderung des Zigarrenverkaufes manifestierten sich auch in einem Zigarrenkistchen, das Trafikanten um 179,- angeboten wurde. Das Innere des Zigarrenkistchens wurde nach dem Baukastensystem gestaltet, je nachdem welche Zigarren und Zigarillos man darin unterbringen wollte. Es hatte einen Plexiglasdeckel. Ausgestattet mit einem Befeuchter, eignete es sich besonders für den Einzelverkauf bzw. für die Gastronomie. Das neue Zigarrenkistchen trug keinen Aufdruck, war also individuell einsetzbar.
Swedish Match, unter dem Geschäftsführer Rupert Waranitsch, führte 1998 die Zigarillomarke Clubmaster Fellows Filter ein. Ein Zigarillo mit Filter? Ganz bewußt, erklärte Waranitsch. Man wollte mit dieser typischen Anmutung auch Zigarettenraucher ansprechen. Die Tabakmischung bestand im übrigen aus dem Original Borkum Riff Black Cavendish Pfeifentabak.
Austria Tabak wiederum orientierte sich in seiner Namensgebung an dem damals schon recht erfolgreichen Wirtschaftsmagazin „Gewinn" und führte eine gleichnamige Zigarre ein. Kubanische Tabake dominierten und wurden durch Java- und Brasil-Tabake ergänzt. Als Besonderheit verfügte die „Gewinn"-Zigarre über ein geschlossenes Mundende, sodass sie von den Rauchern selbst erst rauchfertig gemacht werden musste. Insgesamt meldete Austria Tabak im Frühjahr 1998 „aufsteigende Rauchzeichen". Das hieß: plus 20 Prozent Zuwachsrate beim Absatz von Zigarren und Zigarillos. Das Sortiment wurde weiter ausgebaut (u.a. um eine Wallstreet Robusto) und offerierte den Trafikanten nun schon 136 verschiedene Zigarren- und ZIgarillosorten.

Aus Kuba kam derweil die Meldung, dass die Regierung daran dachte, ein fälschungssicheres Gütesiegel einzuführen, um die Original-Habanos vor Plagiaten zu schützen. Demnach sollen auf dem grünlichen Siegel der Zigarrenkisten in englischer, französischer und deutscher Sprache die Worte stehen: „Garantie der Regierung von Kuba für aus Havanna exportierte Zigarren." Immerhin lag der Preis für eine 25er-Kiste Cohibas damals schon bei 3.800,- Schilling. U.a. kam auch in das österreichische Angebot von Kuba-Zigarren Bewegung. Zum einen kam die Romeo y Julieta No.1 auf den Markt, sowie Cohiba Robustos, die H.Upmann Singulares und die La Flor de Cano Selectos.


Der erste Lady Cigars Club Europas wurde in Wien von der Reisejournalistin Vera Zedka gegründet. Und die Tagung der Europäischen Zigarrenhersteller fand in Wien statt. Mehr als 6,3 Milliarden Stück Zigarren waren 1997 in Europa abgesetzt worden und der Trend zeigte weiter nach oben. Auf der Themenliste der ECMA-Tagung (European Cigar Manufacturers Association) standen die Absatzentwicklung sowie die Auswirkungen einer möglichen Steuerharmonisierung innerhalb der Europäischen Union. In der Europäischen Union hielt Frankreich mit 25 Prozent den größten Anteil am Absatz von Zigarren und Zigarillos, gefolgt von Deutschland mit 19 Prozent und England mit 16 Prozent. Aber auch Österreich durfte sich freuen: während 1997 der Absatz noch bei 33,8 Milionen Stück lag, erwartete die Austria Tabak 1998 einen Anstieg auf 40 Millionen Stück.
Kühn war allerdings die Idee einer Steuerharmonisierung. Die unterschiedlichen Besteuerungen innerhalb der EU reichten von 18 bis 62 Prozent. Man war sich auch darüber im klaren, dass Eingriffe nur dort erfolgen sollten, wo das gute Funktionieren des Binnenmarktes nicht gefährdet wird.
Im Herbst 1998 kamen schließlich zwei Zigarren auf den Markt, die auch Connaisseurs aufhorchen ließen und den Qualitätsbegriff für handgemachte Zigarren auf ein neues Level hoben - die Dunhill Aged Cigars. Dahinter stand damals die Firma Rothmans International Tobacco Products. Die Hochwertigkeit dieser Zigarren - in Österreich brachte man die Dunhill Samanas und die Dunhill Caletas auf den Markt - bestand nämlich darin, das sie zuerst zumindest 90 Tage lang in einem dunklen, zederngetäfelten Raum gelagert werden. Dieser Reifeprozess war entscheidend für die besondere Qualität, da sich dadurch ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Feuchtigkeit, Aroma und Geschmack herstellen ließ. Vom Format her ließ sich die Dunhill Samanas, die leichtere Variante, zwischen Corona und Panatela einordnen, die Dunhill Caletas war eine Petit Corona mit sehr viel Geschmack und milder Würze. Hergestellt in der Dominikanischen Republik war dies das erste Mal, dass der Begriff „Aged" in die heimischen Humidore vordringen konnte.

 

Copyright: Helmut Spreitzer
1 Österreichische Trafikantenzeitung 1/1996
2 Österreichische Trafikantenzeitung 5/1996
3 Österreichische Trafikantenzeitung 1/1996
4 Österreichische Trafikantenzeitung 2/1996
5,6 Österreichische Trafikantenzeitung 9/1996
7 Österreichische Trafikantenzeitung 11/1996
8 Österreichische Trafikantenzeitung 2/1997
9 Österreichische Trafikantenzeitung 7/1997
10 Österreichische Trafikantenzeitung 9/1997
11 Österreichische Trafikantenzeitung 11/1997
12 Österreichische Trafikantenzeitung 12/1997
13 Österreichische Trafikantenzeitung 3,4/1998
14 Österreichische Trafikantenzeitung 7/1998
15 Austria Tabak Mitarbeiterinformation 4/1998
16 Österreichische Trafikantenzeitung 10/1998

Bilder: KP Plattner, Österreichische Trafikantenzeitung (Zeitungsarchiv)

 

 

 


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